Falsches Raster

Experte ordnet ein: Zu groß für ein Narrativ - warum Bullen- und Bärenmärkte Krypto nicht erfassen

12.02.26 23:00 Uhr

Bull oder Bear? Warum der Kryptomarkt größer ist als jedes Kurs-Narrativ | finanzen.net

Kurse fallen, Narrative kippen - und schnell ist von einem neuen Bärenmarkt die Rede. Doch laut Branchenexperten greift diese Sicht im Krypto-Sektor zu kurz.

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• Re7-Capital-Gründer Evgeny Gokhberg: Kryptomarkt ungeeignet für Bull-oder-Bear-Narrativ
• Fallende Tokenpreise sagen wenig über realen Nutzen aus
• Krypto-Anbindung an Banken und Zahlungsdienstleister wächst

Bull oder Bear? Diese Frage funktioniert an der Börse seit Jahrzehnten - und wird im Krypto-Markt oft einfach übernommen: Steigt der Markt, dominiert der Optimismus. Fällt er, greift die Krisenerzählung.
Doch ist dieses Schwarz-Weiß-Schema zu kurz gedacht? Ist der Krypto-Markt geeignet dafür, um sich in ein einziges Narrativ pressen zu lassen?

Wenn Sichtbarkeit den Eindruck verzerrt

Für Evgeny Gokhberg, Gründer von Re7-Capital, ist die Einteilung in Bullen- und Bärenmärkte im Kryptosegment nicht anwendbar. In einem Interview mit "TheStreet" beschreibt er ein strukturelles Problem der Branche: Krypto sei vollständig liquide, öffentlich einsehbar und permanent in Bewegung. Verluste, gescheiterte Projekte und starke Kurseinbrüche würden dadurch sofort sichtbar und medial verstärkt.
"Das Problem von Krypto ist, dass alles liquide, sehr sichtbar und sehr laut ist", sagt Gokhberg.
Zur Einordnung zieht er einen Vergleich mit der Start-up-Welt: Würden alle jungen Technologieunternehmen vom ersten Tag an öffentlich an der Börse gehandelt werden, entstünde ein ähnliches Maß an Volatilität, Dramatik und öffentlichem Scheitern. Der Eindruck eines kriselnden Gesamtmarkts sei deshalb oft eher eine Folge der Transparenz als ein realistisches Abbild der Branche.

Gokhberg: Krypto-Markt ist eine "Geschichte zweier Welten"

Wie trügerisch der Blick auf reine Preisentwicklungen sein kann, zeigt laut "TheStreet" ein Blick auf das vergangene Jahr. Während viele kleinere Token zweistellige Verluste hinnehmen mussten und auch die Ur-Kryptowährung Bitcoin hinter hochgesteckten Erwartungen zurückblieb, entwickelten sich andere Teile des Marktes deutlich robuster.
Gokhberg spricht von einer "Geschichte zweier Welten". Einerseits kollabierten spekulative Small Caps, andererseits erzielten Marktteilnehmer im DeFi-Bereich teils zweistellige Renditen durch das Bereitstellen von Liquidität.
Parallel dazu entstanden stabile Geschäftsmodelle rund um Stablecoins und Zahlungsabwicklung, die erfolgreich an etablierte Zahlungsunternehmen verkauft wurden. "Krypto konvergiert mit Stripe, Visa und MasterCard", so Gokhberg. Für ihn ist das "so bullish, wie es nur sein kann". Die Schlussfolgerung: Kursbewegungen einzelner Token sagen wenig darüber aus, ob sich die zugrunde liegende Infrastruktur weiter etabliert oder neue Anwendungsfälle entstehen.

Warum Krypto kein einheitlicher Markt mehr ist

Ein zentraler Punkt in Gokhbergs Argumentation ist die schiere Größe und Vielfalt des Kryptosektors, das unterstreichen auch die Zahlen. Auf der Website "CoinMarketCap" sind aktuell 8.902 verschiedene Token gelistet, mit einer globalen Marktkapitalisierung von rund 2,29 Billionen US-Dollar (Stand: 11. Februar 2026). Diese Bandbreite reicht von hochspekulativen Projekten bis hin zu Stablecoins, die täglich im internationalen Zahlungsverkehr genutzt werden.
Gokhberg betont gegenüber "TheStreet", dass es irreführend wäre, all diese Segmente in einem einzigen Marktzyklus zusammenzufassen. Niemand frage nach einem Bullen- oder Bärenmarkt für das gesamte Internet, argumentiert er. Genauso wenig lasse sich sinnvoll beurteilen, ob Zahlungsinfrastruktur, Unternehmens-Blockchain-Lösungen und spekulative Token gleichzeitig steigen oder fallen müssten. Klassische Marktbegriffe aus dem Aktienhandel griffen hier strukturell zu kurz.

Die nächste Phase: Weniger Spektakel, mehr Spezialisierung

Mit Blick nach vorn erwartet Gokhberg eine weitere Differenzierung des Kryptomarktes. Laut "TheStreet" beschleunigt sich insbesondere die Adoption öffentlicher Blockchains durch Banken und traditionelle Finanzinstitute deutlich.
"Hundertprozentig - und das beschleunigt sich, als gäbe es kein Morgen", sagt er.
Gleichzeitig werde die Phase des leichten Geldes beendet, was viele frühe Projekte ohne klaren Produkt-Markt-Fit aus dem Markt drängen dürfte. Ob Bitcoin langfristig zu Gold aufschließt oder hinter den Erwartungen zurückbleibt, hält Gokhberg für Investoren relevant, jedoch nicht für die Entwicklung von Stablecoins, grenzüberschreitenden Zahlungen oder Remittances. Der Erfolg der nächsten Marktphase werde weniger an Kurstafeln gemessen, sondern daran, ob reale Unternehmen die Technologie weiterhin einsetzen. In diesem Umfeld wirkt das klassische Bull-oder-Bear-Narrativ zunehmend wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Krypto noch ein überschaubarer, homogener Markt war.

Redaktion finanzen.net

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