11.11.2018 15:00

Trendsetter Erdgas: Wie Anleger die hohe Nachfrage richtig nutzen

Euro am Sonntag-Rohstoffe: Trendsetter Erdgas: Wie Anleger die hohe Nachfrage richtig nutzen | Nachricht | finanzen.net
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Methan liegt im Trend, denn es ist günstiger als Öl und Kohle - und besser für das Klima. Mit Beginn der Heizsaison ziehen auch beim Erdgas die Preise an.
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€uro am Sonntag
von Oliver Ristau, Euro am Sonntag

Es ist eine große Zahl in diesem Geschäft: 24 Gasturbinen der kriselnden Kraftwerksparte von Siemens hat Ägypten kürzlich in Betrieb genommen. Zusammen bilden sie das weltgrößte Gas- und Dampfkraftwerk. Auftragswert für die Münchner: 2,4 Milliarden Euro. Der Technologiekonzern hofft auf weiteren Rückenwind aus der Region. Auch der vom Krieg zerstörte Irak setzt beim Wiederaufbau der Stromver­sorgung auf den Kohlenwasserstoff ­Methan, landläufig als Erdgas bezeichnet. Eine doppelt so große Kraftwerk­leistung wie in Ägypten soll er liefern. Siemens setzt darauf, den Zuschlag zu bekommen, genauso wie US-Wettbewerber General Electric (GE). Am Ende, vermuten Beobachter, könnten beide zum Zuge kommen.
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Die Industrie ist heiß auf die Aufträge, denn die weltweite Nachfrage nach Gasturbinen, jede so schwer wie ein voll betanktes Flugzeug, ist schwach. Siemens rechnet bei den weltweit verkauften Stückzahlen an Großturbinen 2018 mit einem Rückgang um mehr als zehn Prozent. Der neue GE-Chef Lawrence Culp kündigte vor wenigen Tagen wegen der Probleme die Abspaltung der verlustreichen Turbinensparte an.

China ist heiß drauf

Doch trotz aller Unbill: Die Nachfrage nach kleinen Gaskraftwerken wächst. Viele Schwellenländer setzen auf Me­than, um ihren wachsenden Energie­bedarf sauber zu decken. Unter den fossilen Energieträgern produziert Erdgas die wenigsten Schadstoffe bei der Verbrennung. Allen voran will China das nutzen. In dem asiatischen Riesenland produziert ein Heer ineffizienter Kohlekraftwerke Strom und verdreckt die Luft in den Städten.

Gas soll Abhilfe schaffen. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass der Bedarf der Chinesen binnen fünf Jahren rund 60 Prozent über dem Niveau von 2017 liegen wird. 2019 werde Japan als größter Gas­importeur der Welt von der Volksrepublik abgelöst. Auch in anderen Teilen der Welt zündet Erdgas immer mehr. Beispielsweise im restlichen Asien. Dort wird Methan vor allem in verflüssigter Form mit Schiffen transportiert, als sogenanntes LNG (Liquified Natural Gas). Der Vorteil: Der Transport wird unabhängiger von Pipelines, der Rohstoff kann auf diese Weise weltweit gehandelt werden.



Auf dieses Geschäft haben es insbesondere die USA abgesehen. Wegen des dortigen Schiefergasbooms ist die Produktion seit 2005 nach oben geschossen. Sie legte laut US-Energiebehörde EIA um 50 Prozent zu. Auch die Exporte schnellten in die Höhe: 2017 verkaufte das Land erstmals seit 60 Jahren mehr Erdgas ins Ausland als es importierte. Der Großteil der Ausfuhren fließt über Pipelines nach Mexiko.

Zugleich boomt die Verflüssigung. Die LNG-Produktion hat sich laut EIA seit 2015 verfünffacht. Neben Asien haben die USA auch Europa im Blick, wo in vielen Staaten eigene Häfen zur Anlandung des US-Energieträgers entstehen. Kürzlich hat auch die Bundesregierung den Bau eines LNG-Terminals in Rostock angekündigt. In Hamburg hat Ölriese Shell vor wenigen Wochen die erste Tankstelle für Flüssiggas-Lastwagen eröffnet.

Das hohe US-Angebot drückte in den vergangenen Jahren die Preise. So haben sich die durchschnittlichen Spot­notierungen in den USA seit 2010 auf aktuell gut 2,80 Dollar je Handelseinheit halbiert. Und während US-Öl und -Kohle derzeit doppelt so teuer sind wie vor 36 Monaten, hat US-Erdgas in diesem Zeitraum gerade einmal um 30 Prozent zugelegt.

Mehr und mehr zum wirtschaftlichen Vorteil wird jedoch das ökologische Plus von Gas. Der Grund sind die steigenden Kosten für den Schadstoffausstoß. An Europas Energiebörsen muss für CO2 aktuell dreimal so viel gezahlt werden wie vor einem Jahr. Das macht Gas gegenüber der Kohleverbrennung noch einmal rentabler.

Jedes Jahr zur Heizperiode, wenn Haushalte wieder beginnen, ihre Gasheizungen anzuwerfen, verteuert sich Erdgas traditionell. "Es wäre nicht überraschend, wenn die US-Gaspreise auch in den nächsten Wochen noch einmal anziehen", sagt Rohstoffanalystin Barbara Lambrecht von der Commerzbank - und verweist auf die Terminkurve der kommenden Monate, die nach oben weist.

Auch wenn im Frühjahr dann meist ein Rückgang kommt: Mittelfristig könnten die Preise weiter steigen. Während die Produktion in den USA floriert, haben andere Staaten Probleme, ihre Ressourcen zu heben. Der Preisverfall der vergangenen Jahre ließ zusammen mit Kriegen und politischem Chaos etwa die Einnahmen des Irak aus der Gasförderung um 40 Prozent und die Venezuelas um 70 Prozent einbrechen.

Von der Nachfrageseite kommen neue Impulse. Es ist nicht nur der Energiesektor, der heiß auf das Gas ist. "In den nächsten fünf Jahren werden die globalen Gasmärkte große strukturelle Veränderungen durchlaufen", sagt IEA-Chef Fatih Birol. "Der führende Wachstumsmotor wird künftig nicht mehr die Stromerzeugung, sondern die Industrie sein." Das Argument: Der Kohlenwasserstoff Methan ist in der Industrie als Rohstoff vielseitig einsetzbar. Die Chemiebranche zum Beispiel kann damit ihre CO2-Bilanz kräftig aufpolieren. Bisher setzt sie vor allem Erdöl als Rohstoff für ihre Produkte ein. Mehr und mehr dürfte künftig Erdgas übernehmen.

Laut IEA sorgt der wachsende Bedarf der Industrie dafür, dass die weltweite Nachfrage nach Erdgas bis 2023 jährlich um 1,6 Prozent steigt. Bis zum Jahr 2040, so die Langfristprognose, wird der Markt um rund 50 Prozent gegenüber 2016 zunehmen.

Weiterentwicklung hilft

Damit die Lichter nicht ausgehen und die Weltgemeinschaft ihre Klimaschutzpflichten erfüllen kann, bleibt Erdgas auch für die Stromerzeugung unverzichtbar. Selbst wenn Bio-, Wind- und Solar­energie weiter billiger werden und Gaskraftwerke aus manchem Markt verdrängen - ein konstanter Kraftstoff für eine dauernde zentrale Stromversorgung sind die erneuerbaren Quellen nicht.

Deshalb setzen Turbinenbauer wie Siemens auf die Weiterentwicklung der Technologie. Der Konzern hat unlängst den Vertrieb einer neuen Generation vorgestellt, welche die Kosten noch einmal sinken lässt. Aufträge wie aus Ägypten, da gibt man sich zuversichtlich, wird es auch in Zukunft für die gebeutelte Sparte geben.

Investor-Info

Erdgas-Zertifikat
Heizkraft fürs Depot

Der Index GSCI Natural Gas von S & P bildet die Preisentwicklung der wichtigsten Erdgaskontrakte insbesondere im US-Markt ab. ­Anleger können dem Gasbarometer mit dem Indexzertifikat von Goldman Sachs folgen und sich für eine mögliche Rally im Winter positionieren. Dabei gilt: Je kälter der US-­Winter ausfällt, desto mehr Potenzial hat das Papier. Aber Achtung: Ab Frühjahr drohen saisonale Rückschläge. Auch langfristig orientierte Investoren können damit auf einen Anstieg des Erdgaspreises in den kommenden Jahren wetten. Zusatzkomponente: Weil der Index auf den US-Markt fokussiert ist, wirft ein steigender Dollar Extragewinne ab.





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Bildquellen: Robert Neumann/123RF, Chepko Danil Vitalevich / Shutterstock.com

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