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07.01.2013 16:00

Netflix: Thriller an der Wall Street

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Die Aktie des weltgrößten Videoverleihers im Web ist nach mehreren Kursstürzen so günstig, dass nun auch langjährige Skeptiker einsteigen. Übernahme­spekulationen treiben den Kurs.
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von Tim Schäfer, New York

Whitney Tilson hasst Aktien oder er liebt sie. Seine Chancen weiß der New Yorker Hedge­fondsmanager aber immer zu nutzen. Im Dezember 2010 warnte Tilson vor der hohen Bewertung des ­Videoverleihers Netflix. Er shortete den damaligen Börsenstar. Zunächst ging die Rally zwar weiter, doch nach einem Gipfel bei 300 Dollar folgte im Juli 2011 der Absturz. Tilson verdiente sich mit seiner Leerverkaufswette eine goldene Nase.

Jetzt profitiert Tilson von stei­genden Kursen. Der Hedgefonds­manager lehnt sich für seinen Neuerwerb — er kaufte die Aktie unter 70 Dollar — weit aus dem Fenster: Die Perspektiven seien mit denen des Onlinehändlers Amazon vor zehn Jahren zu vergleichen. Das ist zwar gewagt, doch immerhin ist aus dem DVD-Verleiher, der Filme an seine Mitglieder mit der Post versandte, inzwischen der weltgrößte Streamingdienst geworden. Dabei schauen die Kunden die Filme gegen eine Gebühr über das Internet. Rund 30 Millionen Kunden machen das bei Netflix so oder leihen sich Filme traditionell auf DVD oder Blu-ray aus.

Mehrmals lieferte das Unternehmen enttäuschende Zahlen. Ein Grund ist die Auslandsexpansion, die Vorstand Reed Hastings trotz ­hoher Kosten durchzieht. Im Januar 2012 folgte auf die Expansion nach Kanada und Lateinamerika der Sprung über den großen Teich nach Großbritannien und Irland. Seit Oktober ist Hastings zusätzlich in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden unterwegs. Bis die Gewinnschwelle außerhalb der Heimat erreicht wird, dürfte es indes noch dauern. Im dritten Quartal lief international ein Verlust von 92 Millionen Dollar auf. Die Gruppe blieb gleichwohl dank des starken US-Basis­geschäfts profitabel.


Netflix-Vorstand Reed Hastings
Weiterhin eine Goldgrube ist der traditionsreiche DVD-Postversand an US-Kunden. Hier lag die operative Marge im dritten Quartal bei knapp 50 Prozent. Allerdings schrumpft die Sparte. Mittelfristig will Hastings den Versand einstellen und sich auf das stark wachsende Streaming­geschäft konzentrieren. Dieses Segment wird immer profitabler, zuletzt lag die Marge bei mehr als 16 Prozent. Das Umsatzwachstum überzeugt, seit 2007 steigerte Netflix den Umsatz von 1,2 auf zuletzt 3,2 Mil­liarden Dollar. Im laufenden Geschäftsjahr rechnen Analysten mit einem Anstieg auf 3,6 Milliarden.

Trotz der Verluste im Auslandsgeschäft fiel die Kapitalflussrechnung stets positiv aus. Das Geld investiert Hastings auch in die Filmothek. Anfang Dezember schloss der Gründer einen Vertrag mit Walt Disney. Der sichert exklusiven Zugang zu neuen Filmen ab dem Jahr 2016. Beobachter rechnen damit, dass für den hochwertigen Inhalt pro Jahr mindestens 300 Millionen Dollar fällig werden. Die Alternative zu gekauften Inhalten sind selbst produzierte Sendungen. Immer mehr US-Fernsehkabelnutzer kündigen ihren Vertrag und wandern zu Internet­anbietern wie Netflix ab.

Übernahmegerüchte treiben
Seit dem jüngsten Kursrutsch im vergangenen Sommer halten sich hartnäckige Übernahmegerüchte an der Wall Street. Ein Grund: Der New Yorker Firmenjäger Carl Icahn hat zehn Prozent des Grundkapitals erworben. Icahn könnte nach einem Aufkäufer Ausschau halten, um seine Papiere mit Gewinn zu versilbern. Gegen den Willen von Hastings wird es indes nicht leicht. Der 52-Jährige hat großen Einfluss in der Techbranche, kennt etwa Steve Ballmer von Microsoft und Mark Zuckerberg von Facebook.

Mit rund 5,4 Milliarden Dollar ist Netflix derzeit bewertet, netto liegen 450 Millionen in der Kasse. Die Kasse eingerechnet, billigt die Wall Street jedem der 30 Millionen Abonnenten 162 Dollar an Bewertung zu. Das ist ein Schnäppchen: Der viel kleinere Konkurrent Hulu, der den Medienriesen News Corp, Disney und Comcast gehört, ist mit 666 Dollar pro Kunde viermal so teuer.

Fazit: Aufholpotenzial Der Marktführer der Branche wird Schätzungen zufolge 2012 mit geringem Gewinn abschließen. 2013 soll der Profit ­jedoch kräftig steigen. Das Papier hat nach einer Bodenbildung Luft bis zu den 52-Wochen-Hochs bei etwa 90 Euro. Spekulativ.

ISIN: US64110L1061

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