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06.06.2014 03:00
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Kaufrausch: Rückkehr der Milliardendeals

Übernahmen: Selbst Geschäfte im zweistelligen Milliardenbereich sind rund um den Globus an der Tagesordnung. Inzwischen stehen auch deutsche Unternehmen auf den Kauflisten der Konzerne.
€uro am Sonntag
von S. Bauer, K. Schachinger und F. Westermann, Euro am Sonntag

Hofieren lautet das Gebot der Stunde. Jüngst war es die französische National­versammlung, die die Abgesandten von Siemens und General Electric (GE) in Paris aufsuchten. Christophe de Maistre, Frankreich-Chef des deutschen Industrieriesen, und Jeffrey Immelt, Konzernboss des US-Rivalen, buhlten bei französischen Volksvertretern um das Energiegeschäft von Alstom. Rund sieben Milliarden Euro zuzüglich Teilen ihrer Zugsparte werden die Deutschen wohl bieten. Bei gut zwölf Milliarden Euro Cash liegt das Gebot der Amerikaner - plus 1.000 neue Jobs, die Immelt Staatspräsident François Hollande versprochen haben soll.

Das Tauziehen um den französischen Industriekonzern dürfte sich hinziehen. Bis Mitte Juni will Siemens ein Angebot vorlegen. Wer auch immer den Zuschlag erhält - der Deal dürfte Europas Industrielandschaft dramatisch verändern.

Niedrige Zinsen und hohe Cash­reserven der Konzerne beflügeln die Kauflust der Manager. Rund um den Globus formen sich in diesen Wochen ganze Branchen neu. Denn die Zahl großer Übernahmen ist sprunghaft angestiegen. Seit Jahresanfang wurden zwei Dutzend Offerten für sogenannte Mega-Merger über zehn Milliarden Dollar - umgerechnet rund 7,5 Milliarden Euro - abgegeben. Mehr als im gesamten Vorjahr. Die Big Deals sorgen zwar für das meiste Aufsehen. Doch auch im Kleinen sind Käufer wieder äußerst aktiv. Bis Ende Mai erreichte der Wert aller Offerten 1,2 Billionen Euro - den höchsten Stand seit 2007.

Welle startete in den USA
In den USA rollt die Welle schon seit Anfang des Jahres. Angefangen hatte es im Februar in der US-Kabelbranche, als Marktführer Comcast den Kauf des Kontrahenten Time Warner Cable ankündigte. Inklusive Schulden ist der Deal 50 Milliarden Euro wert. Die Welle schwappte in den Telekomsektor, als die Nummer 1, AT & T, einen zweistelligen Milliardenbetrag für den Bezahlfernsehanbieter DirecTV bot. Weitere Geschäfte bahnen sich an: Bald schon könnte der Mobilfunker Sprint die Telekom-Tochter T-Mobile US schlucken.

Auch in anderen Branchen geht es los, vor allem im Pharmabereich. 36 Milliarden Euro offeriert der kanadische Pharmakonzern Valeant für den Wettbewerber Allergan. Der Hersteller des Antifaltenmittels Botox arbeitet bereits an Abwehrmaßnahmen, indem er angeblich an einem milliardenschweren Gebot für die britische Shire feilt. Im Tabaksektor könnte der nächste Multi-Milliarden-Merger stattfinden: Laut Gerüchten verhandelt Reynolds American mit dem Rivalen Lorillard.

Inzwischen hat das Übernahmevirus auch Europas Konzerne erfasst. In der Zementbranche sorgte Anfang April das Gebot des Schweizer Baustoffherstellers Holcim für den französischen Mitbewerber Lafarge für Furore. Der Wert der Transaktion: 27 Milliarden Euro. Im Pharmabereich stechen Bayer und Novartis ebenfalls mit zweistelligen Milliardendeals hervor. "In Europa hat sich das Gesamtvolumen gegenüber 2013 verdoppelt", sagt Alexander Gehrt, bei der Schweizer Bank UBS zuständig für das Geschäft mit Übernahmen und Fusionen in Deutschland und Österreich.

Der Boom der Milliardendeals kommt manchem Anleger auf unangenehme Weise bekannt vor: Schon zwei Mal in den vergangenen 15 Jahren handelten Manager wie im Kaufrausch. Doch nach der Euphorie gab es ein böses Erwachen. Das war in den Jahren 2000 und 2007 - just vor dem Platzen der Dotcom-Blase und dem Ausbruch der Finanzkrise.

Als etwa Mitte Februar bekannt wurde, dass das Onlinenetzwerk ­Facebook den Messengerdienst WhatsApp übernimmt, blickten viele Börsianer ungläubig auf den Preis: Facebook-Chef Mark Zuckerberg war die Firma mit kaum mehr als 50 Mitarbeitern 14 Milliarden Euro wert. Das war jenseits aller üblichen Maßstäbe - und deutete auf ein Comeback des Dotcom-Wahns.

Kündigt auch die neue Übernahmewelle das Ende der Hausse an? Zumindest die gezahlten Übernahmeaufschläge lassen keine Blase erkennen. Im Durchschnitt aller weltweiten Geschäfte im laufenden Jahr lag die Prämie auf den Aktienkurs laut Datendienstleister Dealogic bei 23 Prozent. Im Jahr 2008, als die letzte Übernahmewelle ihren Höhepunkt erreichte, zahlten Käufer im Schnitt 26 Prozent Aufschlag, im Jahr 2000 waren es fast 30 Prozent.

Manager lieben Sachanlagen
Zudem wirken die Industriekapitäne trotz des rollenden Übernahme-Tsunamis bislang nicht kopflos. Angebliche Milliardensynergien sind kaum Grund für Offerten. Das war vor der Jahrtausendwende noch anders - wie die "Hochzeit im Himmel" zwischen den Autokonzernen Daimler und Chrysler zeigt. Der Traum fand 2007 sein unrühmliches Ende, die Stuttgarter fuhren rund 40 Milliarden Euro gegen die Wand.

Manager haben gelernt. Vermeintliche Sparpotenziale, das Zusammenschweißen Tausender Mitarbeiter in Hunderten von Meetings - das ist aus der Mode. Stattdessen kaufen die Bosse lieber, um Stärken zu stärken - und halten Ausschau nach Zielen, die das Wachstum ankurbeln.

So übernimmt etwa der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer für gut zehn Milliarden Euro das lukrative Geschäft mit rezeptfreien Mitteln und Gesundheitspräparaten des US-Konzerns Merck & Co und wird hier weltweiter Primus. Auch der Pharmariese Novartis baut sein Kerngeschäft aus. Tiergesundheit und Impfstoffe werden abgestoßen. Stattdessen konzentrieren sich die Schweizer auf nicht verschreibungspflichtige Medikamente und Mittel zur Behandlung von Krebs.

Motor des Übernahmekarussells sind vor allem die niedrigen Leitzinsen weltweit. Das macht Kredite für Unternehmen extrem billig - und manche Finanzanlage unattraktiv. Auch Firmenchefs setzen da lieber auf Sachanlagen.

Dass die Welle weiterrollt, dafür sprechen auch die hohen Cashreserven der Unternehmen. Nach der Finanzkrise hielten sich Manager mit Investitionen zurück. Sparen und Schuldenabbau standen ganz oben auf den Prioritätenlisten. Inzwischen wurde ordentlich gehortet: Die Liquidität der Firmen aus den großen europäischen und US-Aktienindizes, dem Stoxx Europe 600 und dem S & P 500, beläuft sich auf rund 3,6 Billionen Euro.

Ein Großteil des Vermögens der US-Konzerne liegt zudem aus steuerlichen Gründen außerhalb der USA. Bei der Rückführung in die Heimat würden immense Steuerzahlungen fällig - weshalb viele Chefs lieber im Ausland investieren. So wollte sich der US-Pharmariese Pfizer den Wettbewerber AstraZeneca für fast 87 Milliarden Euro einverleiben. Chef Ian Read biss bei den Briten aber auf Granit und zog die Offerte zurück.

Munition ist also reichlich vorhanden. In Deutschland tut sich gleichwohl bislang wenig. Das dürfte sich ändern. Anfang April etwa erhielt der Spezialist für Explosionsschutz, R. Stahl, eine Offerte. Der Kurs schoss um 40 Prozent in die Höhe. Anleger profitieren jetzt schon - und der Übernahmekampf dauert an.

Zum Übernahmeziel könnte auch Kuka werden. Der weltweit führende Lieferant von Robotern für die Autobranche blickt auf prall gefüllte Auftragsbücher. Als potenzielle Käufer gelten etwa Siemens und ABB, die sich in der Automatisierung verstärken wollen. Allerdings dürfte zumindest der Schweizer Mischkonzern mit einem Gebot auf erhebliche kartellrechtliche Bedenken stoßen.

First Sensor gilt als weiterer Kandidat. Der Anbieter von Sensor­lösungen ist in den Wachstumssektoren Mobilität, Luftfahrt und Medizintechnik tätig. Spannung kommt beim Blick auf den Aktionärskreis auf. Über die Hälfte der Anteile liegt bei Beteiligungsgesellschaften, die inzwischen durchaus verkaufsbereit sein dürften. Für einen großen Industriekonzern wären die geschätzten 150 Millionen Euro leicht zu stemmen.

Auch Apple kauft inzwischen
Pharmariesen wiederum suchen nach neuen Wirkstoffen, um Ausfälle durch abgelaufene Patente auszugleichen. Eine Alternative zur Forschung sind Zukäufe. Neben dem Biotechpionier Morphosys gilt die niederländische Qiagen als potenzielles Ziel. Das Unternehmen hat keinen Ankerinvestor, der Schutz vor einer Übernahme bieten könnte. Ein Käufer würde sich einen Spezialisten auf dem Gebiet der personalisierten Medizin mit einer starken ­Bilanz sichern - für einen mittleren einstelligen Milliardenbetrag.

Auch um die stark wachsende Wirecard ranken sich immer wieder Gerüchte. Der Spezialist für den elektronischen Zahlungsverkehr verfügt über eine deutsche Banklizenz. Das könnte den Appetit eines­ großen IT-Konzerns wie Oracle, IBM oder Hewlett-Packard schüren.

Dass Großkonzerne Milliardensummen quasi aus der Portokasse zahlen, zeigt der jüngste Deal des Hightechriesen Apple. Der iPhone-Hersteller zahlt über zwei Milliarden Euro für die Kopfhörermarke Beats Electronics sowie den Streamingdienst Beats Music. Es ist der größte Zukauf der Firmengeschichte - und wohl nicht der letzte. Apple-Chef Tim Cook dürfte der Deal angesichts rund 100 Milliarden Euro Barreserven nicht mehr als ein Achselzucken gekostet haben.

Investor-Info

Übernahmeprämien
Keine Euphorie

Im laufenden Jahr liegt die durchschnittlich gezahlte Übernahmeprämie auf den Aktienkurs bei knapp 23 Prozent. Zur Jahrtausendwende lag der Aufschlag bei fast 30 Prozent, 2008 bei über 26 Prozent.

Alstom
Bieterwettstreit

Der mögliche Verkauf der Kraftwerksparte wird von Investoren positiv aufgenommen. Seit Mitte März zog die Alstom-Aktie bereits um rund 50 Prozent an. Nach dem jüngsten Kurssprung scheint das Kurspotenzial allerdings ausgeschöpft zu sein. Mit einer höheren Offerte seitens Siemens oder GE ist wohl nicht zu rechnen. Die Aktie ist eine Halteposition.

Allergan
Zähes Ringen

Rund 37 Milliarden Euro ist dem kanadischen Pharmakonzern Valeant der Botoxhersteller Allergan wert. Allergan wehrt sich gegen die Offerte und plant deshalb Zukäufe. Allergan ist als eigenstän­diges Unternehmen gut aufgestellt, mit einem ­Gewinnvielfachen von fast 30 ist die Aktie jedoch nicht mehr billig. Risikobereite Anleger setzen auf eine höhere Offerte durch Valeant. Spekulativ.

T-Mobile US
Abschluss steht bevor

Der US-Mobilfunkkonzern Sprint steht wohl vor dem Zuschlag für die Telekom-Tochter T-Mobile US. Die Telekom hält rund zwei Drittel der Anteile und will angeblich einen Minderheitsanteil behalten. Es drohen Auflagen der US-Wettbewerbshüter bis hin zum Verbot. Das Geschäft von T-Mobile US läuft gut, der Konzern gewinnt Marktanteile. Daher attraktiv.

Übernahmeziele
Zehn Topkandidaten

Neben den heißen Favoriten Kuka, Wirecard, First Sensor, Qiagen und Morphosys (siehe Artikel) zählt auch PSI zu den potenziellen Übernahmekandidaten in Deutschland. Die Software des Unternehmens ­unterstützt die Nutzung von Elektrizität aus Sonnen- und Windkraft - die regenerativen Energien gewinnen immer mehr Marktanteile. Größter Anteilseigner ist RWE mit knapp 18 Prozent. Außerdem ist Tito Tettamanti mit an Bord. Der Schweizer Finanzier tritt immer wieder bei Übernahmen in Erscheinung. Auch der MDAX-Konzern Stada ist ein mögliches Übernahmeziel. Das Unternehmen ist gut im Bereich nicht verschreibungspflichtige Medikamente aufgestellt. Ein möglicher Aufkäufer könnte Stadas ­Generikageschäft losschlagen - und damit wäre die Sparte mit rezeptfreien Medikamenten deutlich günstiger zu haben als die entsprechende Sparte des US-Konzerns Merck, für die Bayer jüngst mehr als zehn Milliarden Euro bezahlt hat. Der IT-Dienstleister USU Software besetzt mit seinen Produkten eine Nische. Für einen Käufer wäre speziell der Bereich Lizenzmanagement interessant. Hier besteht unter anderem eine Vertriebsvereinbarung mit dem US-Softwarekonzern CA Technologies. Operativ würde USU gut zu den Amerikanern passen. Wash­tec, der Hersteller von Autowaschanlagen, ist bereits auf dem Radar von Private-Equity-Firmen. Weit über die Hälfte der Aktien liegen bei Beteiligungsgesellschaften. Diese warten womöglich nur auf einen Bieter, der einen passenden Preis zahlt. Auch bei Zooplus lohnt ein Blick auf die Besitzverhältnisse. Die Hälfte der Aktien des Internetversandhändlers für Haustierbedarf hält der Verlags- und Medienkonzern Burda. Ob das Geschäft mit Hundefutter und Katzenstreu langfristig in Burdas Philosophie passt, ist fraglich. Operativ passt Zooplus wohl eher zu Pets at Home. Der größte Händler für Tierbedarf in Großbritannien würde mit einer Übernahme von Zooplus auf einen Schlag zur Nummer 1 im europäischen Onlinehandel für Tierbedarf aufsteigen.

Übernahmezertifikat
Kandidaten im Korb

Anleger, denen das Risiko eines Investments in Einzelwerte zu hoch ist, können mit einem Zertifikat von den Kurschancen profitieren, die potenzielle Übernahmeziele bieten. Das Zertifikat der Hypo­Vereinsbank setzt auf insgesamt 20 deutsche Titel. Bei diesem Produkt fungiert der Finanzen Verlag, in dem €uro am Sonntag erscheint, als Indexberater.

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