aktualisiert: 01.11.2014 22:11

Herr Hellmeyer, sind die Gefahren für einen DAX-Crash gestiegen?

Interview exklusiv: Herr Hellmeyer, sind die Gefahren für einen DAX-Crash gestiegen? | Nachricht | finanzen.net
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Der Chefvolkswirt der Bremer Landesbank lobt die Reformbemühungen in der Eurozone und kritisiert den Finanzkrieg gegen Russland. Er erläutert zudem, wie die Börsenampel steht.
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von Benjamin Summa

Herr Hellmeyer, beim Dax ging es in den vergangenen Wochen auf und ab. Für den Absturz seit Ende September sorgte ein Mix aus schlechten Wirtschaftsdaten, geopolitischen Krisenmeldungen und neuen Sorgen in Sachen Eurokrise. Dann kam wieder eine Phase des Aufschwungs, die jetzt wieder vom schlecht ausgefallenen Ifo-Geschäftsklimaindex unterbrochen worden ist. Sind die Gefahren für einen Crash gestiegen oder bleiben Sie optimistisch im Hinblick auf den deutschen Aktienmarkt?
Folker Hellmeyer: Wir haben im Juli die Börsenampel bei 9.700 bis 9.800 Punkten auf Rot gestellt - in erster Linie wegen der geopolitischen Risiken. Im Fokus stand ganz klar die Krise in der Ukraine, denn damit ist die Gefahr eines tiefen Grabens zwischen Westeuropa und der sogenannten Shanghai-Corporation mit Russland, China und den früheren Sowjetrepubliken verbunden. Wenn es zuvor eine Globalisierungs-Dividende gab, dann sind wir vor einigen Wochen mit der Entglobalisierungs-Hypothek konfrontiert worden. Die Börsen reagieren auf solche Entwicklungen sehr sensibel.
Wir haben die Börsenampel bei 8.800 Punkten aber wieder auf Grün gestellt, das war rückblickend genau die richtige Entscheidung. Ich bin der Überzeugung, dass die Ukraine-Krise nun sukzessive einer Entspannungsphase entgegengeht. Denn die Politiker in Berlin und Brüssel haben erkannt, dass sie sich in eine Sackgasse manövriert hatten und dass die Krise uns in Europa wirtschaftlich auf die Füße gefallen ist, nicht etwa den USA.

Sie haben die Entfremdung Westeuropas von Russland angesprochen. Wie gefährlich sind die gegenseitigen Handelssanktionen - nicht wenige nennen es einen Wirtschaftskrieg?
Für mich ist die Ukraine-Krise ganz klar Ausdruck eines Finanzkrieges gegen Russland und die Shanghai-Corporation. Im Ergebnis werden all jene Staaten unter dieser Hegemonialpolitik zu leiden haben, die ein aktives Osteuropageschäft betreiben, insbesondere Deutschland, Finnland, Österreich und Ungarn.

Verpuffen die geldpolitischen Maßnahmen der Notenbanken allmählich - Mario Draghi hat vor einigen Wochen immerhin bis zu einer Billion Euro für den Kauf von Ramschanleihen in Aussicht gestellt? Besonders lange konnte er die Anleger mit dieser Ankündigung aber nicht glücklich machen…
Diese Maßnahmen werden auch weiterhin eine sehr positive Wirkung auf die Aktienmärkte entfalten. Die finanzielle Repression ist überhaupt nicht beendet - in Japan wird die Liquidität stark ausgeweitet, die EZB wird in den kommenden drei Jahren für insgesamt eine Billion Euro Anleihen aufkaufen. In den USA sind die Ankaufprogramme jetzt eingestellt worden, aber die Mittel aus den fälligen Papieren werden reinvestiert, d. h., dass auch hier eine Verkürzung der Liquiditätslage nicht im Raum steht. Das Niedrigzinsniveau zwingt in alternative Anlagemärkte, beispielsweise den Aktienmarkt. Dort bekommen wir derzeit Dividendenrenditen in der Größenordnung von über drei Prozent gegenüber 0,85 bis 0,9 Prozent für zehnjährige Bundesanleihen.
Geldpolitische Maßnahmen verpuffen nur dann, wenn sie nicht durch tief greifende Reformen flankiert werden. In der Eurokrise sind jedoch die härtesten Reformen durchgeführt worden, die es je gab. In Griechenland gab es über fünf Jahre eine Anpassung der Wirtschaftsleistung von vier bis fünf Prozent pro Jahr. In Spanien, Portugal und Irland liegen wir bei 2,5 bis 3,5 Prozent pro Jahr. Das hat es in der gesamten Geschichte der Industrienationen noch nicht gegeben. Die Interventionsmaßnahmen der Zentralbank werden also gemacht, um die Zeit zu kaufen, die gebraucht wird, um Strukturpolitik zu ermöglichen. Eines stimmt aber auch: Frankreich und Italien, die zwar Fiskal-, aber zu wenig Strukturreformen durchgeführt haben, laufen auf absehbare Zeit noch hinterher.

Wie sieht es hierzulande auf der Unternehmensseite aus - sehen Sie Rücken- oder Gegenwind für die Finanzmärkte?
Das Grundrauschen in der Weltwirtschaft ist für die Global Player ausreichend, um die Profitabilität zu erhalten. Unternehmen agieren zudem bei Problemen viel dynamischer im Kostenmanagement als Staaten. Auch dieses Argument spricht derzeit absolut für den Aktienmarkt.

Viele Experten gehen davon aus, dass die Volkswirtschaften in den kommenden 15 Jahren global weniger stark wachsen werden als in den vergangenen 20 bis 30 Jahren. Zudem steigen die Staatsschulden auf unerträglich hohe Niveaus. Kann es vor diesem Hintergrund überhaupt eine dauerhafte Exit-Strategie aus der Politik des billigen Geldes geben?
Beim Thema "Wachstum" bin ich zuversichtlicher. Fraglos ergibt sich durch die geopolitischen Risiken ein leicht verminderter Wachstumspfad. Aber im Hintergrund baut sich etwas Neues auf, nämlich die Story BRIC II. Gemeint ist hier wieder die Shanghai-Corporation mit Russland, China und den alten Sowjetrepubliken, aber auch mit Assoziierungen in Richtung Indien, Pakistan und Südamerika. Es geht um die Erschließung der Infrastruktur der Eurasischen Platte - also von Russland in Richtung Indien bis hin nach Afrika. Die infrastrukturelle Erschließung wird die Basis sein für Wachstum in diesen Regionen. Und wenn man einbezieht, dass die Weltbevölkerung von derzeit gut sieben Milliarden bis 2050 auf neun Milliarden wächst, dann muss man sich über die Wachstumsdynamik aus meiner Sicht keine allzu großen Sorgen machen.
Aber mittelfristig, also etwa bis 2017, werden die Notenbanken dies- und jenseits des Atlantiks nicht aus der Politik des billigen Geldes aussteigen können. Die USA brauchen mangels Strukturreformen die Subventionierung über niedrige Zinsen. Wir sehen in Amerika jetzt schon Fissuren an den Wohnimmobilienmärkten. Stiegen jetzt die Zinsen, würden daraus große Risse werden - dann hätten wir wahrscheinlich ein ähnliches Szenario wie 2007/2008. Diesbezüglich bin ich durchaus irritiert hinsichtlich der Verbalakrobatik der Fed bei der letzten Offenmarktausschusssitzung. Die Würdigung der qualitativen Mängel am US-Arbeitsmarkt, am US-Wohnimmobilienmarkt und in der Verteilung der Wachstumsdividende zu Lasten der privaten Haushalte fällt unter den Tisch. Ergo bleibe ich bezüglich einer nachhaltigen Zinswende skeptisch.

Italien hat beim Banken-Stresstest besonders schlecht abgeschnitten. Gleich neun Geldhäuser des Landes rasselten durch den Bilanzcheck der Europäischen Zentralbank. Für viele Experten ist das Epizentrum der Eurokrise jetzt nicht mehr Griechenland, sondern Italien. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr eines heftigen Aufflammens der Eurokrise ein?
Ich sehe dieses Risiko als sehr eingeschränkt an - zwischen fünf und zehn Prozent Wahrscheinlichkeit. Die EZB-Politik des billigen Geldes sollte dazu in der Lage sein, solche Unfälle zu verhindern. Zudem werden auch die Sorgenkinder Italien und Frankreich schlussendlich den Pfad der harten Strukturreformen beschreiten müssen, denn es gibt hierzu keine Alternative.

Eigentlich will die deutsche Bundesregierung im kommenden Jahr ohne neue Kredite auskommen - die "schwarze Null" ist das Stichwort. Einige Politiker favorisieren hingegen große Investitionsprogramme. Was ist aus Ihrer Sicht vernünftiger?
Eine schwarze Null finde ich grundsätzlich klasse. Aber wenn diese darauf basiert, dass man den öffentlichen Kapitalstock, die Infrastruktur so vernachlässigt, wie es die deutsche Politik in den vergangenen zehn Jahren gemacht hat, dann zerstören wir die Grundlage, weiterhin nachhaltig wachsen zu können. Die Fokussierung der Bundesregierung auf konsumtive Ausgaben statt auf investive halte ich für im höchsten Maße problematisch. Ich erwarte von der Bundesregierung, dass sie in den kommenden zwölf Monaten im Rahmen einer konzertierten Aktion innerhalb der EU eine nachhaltige Investitionspolitik betreibt, die dann auch einen stabilisierenden Einfluss auf die gesamte Nachfragelage in der Eurozone hat.

Sehr viele Anleger ärgern sich, dass sie nicht schon vor drei oder vier Jahren in die Aktienmärkte eingestiegen sind. Jetzt haben die meisten nicht mehr die Traute, das zu tun. Wo sehen Sie derzeit Chancen für Privatinvestoren?
Die Anleger sollten endlich deutsche Geschichte begreifen. Die Topunternehmen Deutschlands - von Siemens über BASF bis hin zur Deutschen Bank - haben seit 1871 alle Krisen überlebt: Weltkriege, Hyperinflation, Währungsschnitte. Für Anleihen- und Zinsprodukte kann man das nicht notwendigerweise behaupten. Daraus ergibt sich also ein Plädoyer für die Aktie. Wer seine Geldanlage als langfristiges Investment begreift, verdient heute mit Topaktien sehr viel mehr Geld als mit Anleihen oder anderen Geldwerten. Ich erwarte, dass der DAX bei 8.200 Punkten gut unterstützt ist. Ich gehe nicht davon aus, dass wir diese Niveaus kurzfristig nochmal sehen. Für mich ist das Kursniveau im DAX, aber auch im Euro Stoxx 50, also attraktiv zum Einstieg.

Gold hat in den vergangenen Monaten ordentlich Prügel bezogen. Jetzt verdüstern sich die Konjunkturprognosen. Kann das gelbe Metall davon profitieren oder hat Gold seinen Nimbus als Krisenmetall verloren?
Ich plädiere seit 2001 für die Anlage in Edelmetalle. Die Kursverluste der vergangenen drei Jahre waren auch für mich persönlich schmerzhaft, denn ich investiere selbst in Gold und Silber. Aber an meiner Sichtweise hat sich überhaupt nichts verändert. Ich bleibe absolut bullish für Edelmetalle. Für mich ist die Kurskorrektur weitestgehend abgeschlossen. In den kommenden zwei bis drei Jahren erwarte ich einen Anstieg, der auch über die historischen Höchstkurse hinausgehen wird. Gold und Silber gehören in jedes Depot, weil die Metalle einfach klasse Track-Records von über 5000 Jahren haben. Die Preisbewegung nach unten ist über Papiergold organisiert worden, langfristig wird sich hier aber die physische Ware durchsetzen. Die smarten Zentralbanken in China, Russland, Brasilien und Indien haben das begriffen, sie kaufen seit Jahren physisch Gold.

Disclaimer: Der Autor, Benjamin Summa, ist Unternehmenssprecher der pro aurum KG, München.

Bildquellen: Chefvolkswirt der Bremer Landesbank

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