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25.10.2013 03:00
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Biotech: Geld, Geist und geniale Gewinne

Eine Innovation jagt die andere, die Branche erntet die Früchte ihrer langjährigen Forschungsarbeit. Das Kurspotenzial ist noch lange nicht erschöpft. Nun steigt auch noch Google ein.
€uro am Sonntag
von Jörg Billina, Euro am Sonntag

Das Leben vereinfachen — damit verdient Google Milliarden und macht viele Anleger reich. Nun will der Internetdienstleister auch noch das Erdendasein verlängern. Nicht nur um ein paar Jahre, sondern gleich um Jahrzehnte sollen die Menschen künftig länger leben. Noch klingen die neuen Pläne, wie das von Google aus der Taufe gehobene Biotech-Start-up Calico dem Tod ein Schnippchen schlagen will, nach billiger Science-Fiction. Doch Google-Gründer Larry Page ist es ausgesprochen ernst damit.

Page hat die enormen Chancen von Biotech erkannt. Und er ist fest entschlossen, die mit dem Alter einhergehende Abnahme körperlicher Beweglichkeit und geistiger Frische zu stoppen. „Zugleich wollen wir das Leid von Individuen und deren Angehörigen mildern, die lebensbedrohlich erkrankt sind“, lässt Page die Anleger wissen. An Mitteln, den Traum vom ewigen Leben zu verwirklichen, fehlt es nicht. Google hält 40 Milliarden Euro an Cash.

Aller Voraussicht nach wird Calico auf Googles Kernkompetenz aufbauen: Big Data. Google hat auf seinen Servern Unmengen von Informationen gespeichert. Aus diesen lassen sich Rückschlüsse auf den Lebensstil der Nutzer ziehen. Über die Gentestfirma 23andMe ist Google zudem indirekt am Sammeln von Gendaten beteiligt.

Würde Calico die Datensätze der Smartphone- und Internetuser mit den Gendaten von 23andMe verbinden, so vermuten Experten, könnte das Unternehmen das individuelle Risiko einer Person für bestimmte Krankheiten ermitteln. Calico wäre auch in der Lage, das zur Person und Krankheit passende Medikament zu finden und Ratschläge zu einer gesunden Lebensführung zu erteilen.

Schon erwägt der Pharmakonzern Roche eine Beteiligung. Die Schweizer erzielten im vergangenen Jahr allein mit Biotech-Arzneien 26,7 Milliarden Euro Umsatz — dank der Übernahme von Genentech. Die Geldbringer des Roche-Konzerns, die Krebsmittel Avastin, Herceptin und Rituxan, Perjeta und Kadcyla, wurden alle von dem US-Unternehmen entwickelt. Sollte Roche nun auch mit Calico kooperieren, dürfte der Kurs weiter nach oben gehen. Seit Jahresanfang legte der Roche-­Titel 27 Prozent zu.

Biotech schlägt Gesamtmarkt
Übernahmespekulationen und Forschungserfolge treiben auch die Notierungen von Amgen, Gilead Sciences und vieler anderer Biotechunternehmen steil nach oben. Auf Sicht von drei Jahren verbesserte sich der Nasdaq-Biotechindex um über 130 Prozent. Der breite US-Index S & P 500 bringt es „nur“ auf 42 Prozent. „Die Branche beweist, dass sich mit ihren Medikamenten zahlreiche Krankheiten gezielter und mit deutlich geringeren Nebenwirkungen als bislang bekämpfen lassen“, erklärt Noushin Irani, Fondsmanagerin des DWS Biotech. So wurden zur Behandlung der Lungenkrankheit zystische Fibrose bislang hauptsächlich Antibiotika eingesetzt — mit mäßigem Erfolg. „Die Biotechbranche hat nun ein Mittel gefunden, das Übel gestörte Schleimabsonderung direkt anzugehen“, weiß Irani.

Auch im Kampf gegen Krebs, multiple Sklerose, Rheuma und Infektionskrankheiten wirken Biotechunternehmen erfolgreich. Mittlerweile sind fünf der zehn umsatzstärksten Medikamente biotechnologischen Ursprungs. Gute Chancen, zum Blockbuster-Medikament aufzusteigen und somit über eine Milliarde Dollar Umsatz pro Jahr zu erzielen, werden unter anderem Kyprolis eingeräumt. Die von Onyx entwickelte Arznei wird gegen Blutkrebs eingesetzt. Die Wachstumsperspektiven weckten das Interesse von Amgen. Das US-Unternehmen erwarb vor Kurzem Onyx für umgerechnet 7,5 Milliarden Euro.

„Für anhaltende Kursfantasie sorgt zudem die Konzentration der Biotechbranche, Medikamente gegen sehr seltene Krankheiten zu entwickeln“, sagt Harald Schwarz, Geschäftsführer der auf Biotechunternehmen fokussierten Investmentboutique Medical Strategy. Zu diesen „Waisenkindern der Medizin“ zählt etwa Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH), eine Krankheit bei der sich aufgrund eines Gendefekts rote Blutkörperchen auflösen. In Europa und den USA leiden etwa 10.000 Menschen an dieser lebensbedrohlichen Krankheit.

Das Unternehmen Alexion brachte 2007 den gegen PNH eingesetzten Wirkstoff Soliris auf den Markt. Die jährlichen Therapiekosten belaufen sich auf 400.000 Dollar. Ähnlich teuer kommt die Behandlung von weiteren „orphan deseases“. Fast die Hälfte der an seltenen Krankheiten leidenden Patienten sind Kinder. Die Behandlungskosten werden daher von den Versicherungsträgern meist übernommen.

Kein Ende der Rally
Auf seltene Krankheiten fokussiert ist auch Biomarin. Mit ihren vier Produkten setzten die Kalifornier im vergangenen Jahr 370 Millionen Euro um. Nun haben die Gesundheitsbehörden in den USA und Europa für das neue Orphan-Produkt Vimizim ein beschleunigtes Zulassungsverfahren akzeptiert. Vimizim soll Patienten mit Morquio-Syndrom helfen, einer im Kindesalter beginnenden Stoffwechselkrankheit, die Menschen in der Regel nicht größer als 1,20 Meter werden lässt. „Bei geschätzten 3.000 Patienten und einem geplanten Verkaufspreis zwischen 185.000 und 300.000 Dollar könnte Vimizim den Unternehmens­umsatz verdoppeln“, schätzt Schwarz. Für den Manager des FCP OP Medical Bio Health-Trends ist Biomarin daher ein Kauf — obwohl sich der Aktienkurs seit Jahresanfang nahezu verdoppelt hat.

Auch mit dem Nebenwert Sarepta lag Schwarz richtig. Die Aktie des Unternehmens, das ein Produkt gegen die muskuläre Erbkrankheit Duchenne entwickelt hat, legte in diesem Jahr 99 Prozent zu.

Schwarz ist weiter optimistisch. „Kein anderer Sektor bietet ein vergleichbares Wachstumspotenzial ­ sowie eine derart gut vorhersehbare Ergebnisentwicklung.“ Und: Biotechfirmen sind kaum von aktuellen politischen Entwicklungen betroffen wie dem Streit um den US-Haushalt. Dank Googles Anti-Aging-Mission können wir vielleicht sogar noch erleben, wie Washington eines Tages die Defizite in den Griff bekommt. 

Investor-Info

Die Branche
Schneller am Markt

Die Biotechindustrie entwickelt auf Grundlage der Entschlüsselung des menschlichen Genoms hochwirksame Arzneien vor allem gegen Krebs und multiple Sklerose. Auch bei seltenen Krankheiten werden Biotechprodukte erfolgreich eingesetzt. Gegen diese rund 6.000 „orphan deseases“ gibt es bislang nur 200 Therapien. Derzeit befinden sich jedoch weitere 452 Wirkstoffe im fortgeschrittenen Stadium der Forschung. Die Gesundheitsbehörden haben aufgrund neuer Gesetze das Zulassungsverfahren verkürzt. Die Unternehmen können daher ihre Produkte schneller als noch vor ein paar Jahren vermarkten. Die Erwartungen für das Gewinnwachstum von Biotechunternehmen fallen im Vergleich zu Firmen, die im S & P 500 gelistet sind, mehr als zweimal so hoch aus.

DWS Biotech
Dickschiffe im Portfolio

Der von der Biotechnologin Noushin Irani gemanagte DWS Biotech investiert überwiegend in große Biotechunternehmen wie Amgen, Alexion oder Gilead Science. In geringeren Umfängen berücksichtigt er Small und Mid Caps und beteiligt sich an Börsengängen. Aktien aus den Bereichen Pharma und Medizintechnik werden beigemischt. Der FCP OP Medical BioHealth Trends (ISIN: LU 011 989 152 0) setzt dagegen gezielt auf aufstrebende Arzneimittelherstelller wie Biomarin, NPS Pharmaceuticals, Incyte oder DexCom. Nach Ansicht von Fondsberater Harald Schwarz werden sich Large Caps zwar weiterhin gut entwickeln. Bei kleineren und mittleren Werten, die nicht so stark gelaufen sind, vermutet er jedoch enormes Aufholpotenzial.

Contracts for Difference
Das Indexangebot ist dünn

Biotechindizes zählen nicht gerade zum Standardsortiment der CFD-Anbieter. Selbst Branchengrößen wie CMC Markets offerieren darauf keine CFDs. Nur bei IG Markets können Anleger auf den Nasdaq-Biotechindex setzen. Differenzkontrakte auf die wichtigsten deutschen und US-Biotechaktien haben dagegen fast alle CFD-Anbieter im Programm, darunter Titel wie Amgen, Biogen, Gilead Sciences, Qiagen oder Morphosys. Gegenüber Aktien haben CFDs zwei Vorteile. Erstens ist die Spekulation mit weniger Kapital möglich, da nur die Sicherheitsleistung einzuzahlen ist. So genügt statt einem Aktienkauf von 5.000 Euro ein Einsatz von 500 Euro für den Erwerb des CFD auf diese Aktie, um mit einem Hebel von zehn denselben absoluten Gewinn erzielen zu können. Prozentual ist der Ertrag gesehen auf das eingesetzte Kapital aber viel höher – umgekehrt jedoch auch der Verlust, falls die Wette schiefgeht. Ein Totalverlust oder ein Nachschießen von Kapital sind nicht unüblich. Der zweite Vorteil ist, dass derjenige, der CFDs auf einzelne Biotechtitel nur einige Tage hält, weit geringere Gebühren als beim Aktienkauf bezahlt. Da die meisten Biotechwerte in den USA notieren, machen CFDs auf Biotechaktien auch zur Absicherung von Positionen über Nacht oder das Wochenende Sinn. 

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